Hört auf, Sexismus zu promoten!

Wir schreiben das Jahr 2015. Bekannte Tageszeitungen stopfen das Januarloch mit einem kleinen DIY-Sexfilmchen. Das Video zeigt zwei betrunkene Ausgänger bei der heldenhaften Idee, während einer Party Sex in einem Luzerner Club zu haben. Meiner Meinung nach ist die Aktion nicht wahnsinnig überlegt, aber das Nachtleben treibt bekanntlich schräge Blüten. Und ich finde poppende Partygäste allemal besser als prügelnde Partygäste. Make Love Not War und so.

Gut. Nun ein weder inhaltlich noch grammatikalisch angepasster Auszug der Kommentare (sic!):

«Die Frau ist nicht wirklich ein Teenie … Die geht schon eher Richtung Milf (sie ist über 45). Scheint sehr tief gefallen zu sein. Schade.»

«Was wird wohl der Vater diese Mädchens dazu sagen? Er wird sich fragen, was da wohl falsch gelaufen ist und sich an die Zeit erinnern, als er seine Tochter als Baby im Arm hielt …»

«Schade, dass Frauen ihren Stolz verloren haben und jetzt sogar in öffentlichen Gebäuden Männer ranlassen.»

«Genau dank solchen Frauen denken wir Männer (wie ich auch), das alle Frauen nur Objekte sind obwohl es noch solche gibt mit Stolz und Würde.»

«Erbärmlich: Wie kann man als Frau nur so billig sein. Die sollten sich schämen!»

«Wie kann man als Frau so tief sinken?! Wäre das meine Tochter, würde ich durchdrehen! Das Video soll nicht gelöscht werden, sondern die Realität zeigen wie sie leider ist!»

«Ist heutzutage absolut kein Problem für den Mann. So würdelos und distanzlos die heutigen jungen Damen sind, schafft das nun wirklich jeder.»

Das Kommentarspalten der Höllenschlund des Internets sind, ist allgemein bekannt. Aber diese Epizentren der Dummheit werden ja trotzdem von Medienhäusern kuratiert.

Nun, leider nein. Ein Journalist, der die Geschichte veröffentlicht hat, haut nämlich gleich nochmals in dieselbe Kerbe. Die einzigen zwei Kommentare, die er in seinem Text aufnimmt: «Das ist ein Skandal, die haben absolut keine Würde, diese Leute!» und «Schade, dass so viele junge Frauen keinen Stolz mehr haben.»

Die Anzahl Kommentare-Trolle, die explizit den Mann angreifen? 0.

Sind wir echt noch nicht weiter gekommen? Ist weiblicher Sex immer noch nicht dasselbe wie männlicher Sex? Was mich dabei am traurigsten macht, ist die Tatsache, dass das nicht einfach Stimmen von ein paar hobbylosen, traurigen Versagern waren, sondern dass all diese Kommentare ein wirklich beschissen akkurater Spiegel unserer Gesellschaft sind.

Offenbar ist es voll easy, eine Frau zu vögeln. Aber wehe, es ist selbstbestimmter Sex! Diese Vergewaltiger-Mentalität ist nicht nur massiv zurückgeblieben, sondern macht mir als junge Frau extrem Angst.

Was mir auch Angst macht, ist zu sehen, wie unreflektiert viele Medien mit solchen Themen umgehen. Ich frage mich manchmal echt, ob gewisse JournalistInnen auch nur einen blassen Dunst davon haben, was für eine Verantwortung sie eigentlich tragen und was sie mit einer solchen Reichweite anstellen können.

Das war schon bei der ganzen Charlie-Hebdo-Geschichte so. Statt sich ernsthaft mit den Kommentaren und Ängsten auseinanderzusetzen, packt man lieber Storys mit kriegsverschwörerischen Titeln auf die Front. Hetze in einer Zeit, in der die ganzen Bünzli-Schweizer eh schon am hyperventilieren waren. Aber hey: Klickraten! Geil!

Ich kann solche Artikel hinterfragen. Aber es gibt wirklich viele Menschen, bei denen Publikationen auf wunde Punkte treffen und die alles, was irgendwie auf Papier gedruckt oder online gestellt wird, für bare Münze nehmen. Und drum muss das aufhören. Es muss aufhören, dass Schweizer Medien sich mit ihrer Leserschaft nicht auseinandersetzen. Und es muss aufhören, dass täglich Ressentiments geschürt werden. Sei es politisch oder gesellschaftlich.

Letztes Jahr kursierte ein Video der MTV-Show «Dance Moms», das zeigte, wie ein Mädchen nach einem Kuss mit einem Jungen angeekelt davonrennt. In den Kommentarspalten wurde die Kleine als Hure bezeichnet. Ein grosses Medium postete das Video mit dem Satz «Und so macht man Massenmörder».

Ihr habt sie doch nicht mehr alle.

Ich kann damit umgehen, dass ich im Ausgang als Schlampe bezeichnet werde. Ich kann damit umgehen, dass viele Frauen andere Frauen runtermachen müssen, um sich besser zu fühlen. Ich kann damit umgehen, dass Männer aggressiv auf weibliche Sexualität reagieren.

Aber ich kann nicht damit umgehen, dass JournalistInnen als MeinungsmacherInnen und –lenkerInnen da mitspielen.

(First published on vice.com, January 28th 2015)

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