Die fetten Jahre sind vorbei

Der erste Job ist wie die erste Beziehung. Intensiv, richtungsweisend, angsteinflössend, aufregend, prägend. Ich erlebte turbulente Zeiten, völlig unverhältnismässige Fluktuationen, eine Übernahme durch ein Muttermedium, den Aufbau einer kleinen Redaktion, sechsmal einen Wechsel meiner direkten Vorgesetzten – alles in dreieinhalb Jahren. Am Ende hab ich gelernt: I should’ve left the party when it was still full.

Ich hab nicht mehr hingepasst; zu vieles hat sich verändert. Wenn du immer noch den guten alten Zeiten und dem Status Quo zu Jobbeginn nachtrauerst, ist auch das wie in einer Beziehung: nur du kannst was ändern und musst gehen.

Es war die richtige Entscheidung. Aber mir fehlen diese Zeiten manchmal. Die Nightlifeszene ist ein spezieller Haufen Menschen und ein Metier, das in keinen wirklichen Rahmen passt. Als erste Berufserfahrung wars für mich ein Eldorado. Natürlich hatte die «work hard play hard»-Nummer auch Nachteile. Aber die Möglichkeiten, die neuen Kontakte, die Einflüsse, die Dramen, die Partys, die Emotionen, der Stress, der Spass, die Tränen, die Hangover…. alles war endlos. Selbst wenns mal so richtig scheisse war, wars irgendwie geil.

Heute weiss ich wieso. Diese Zeit war das letzte Aufbäumen der sorglosen Teenager-Jahre und der reinste postpubertäre Exzess. Don’t get me wrong: Ich mag, wie ich mich weiterentwickelt habe und bin stolz darauf. Ich kann reflektierte und intelligente Artikel schreiben und hab bei wichtigen Diskussionen was zu sagen. Ich habe gelernt, auf mich selber aufzupassen und für mich einzustehen.

Und damals? Damals hab ich zu viel getrunken, zu oft gefeiert, mit vielen statt viel geschlafen, mir oft Druck und selten was richtiges zu Essen gemacht. Verbeulte Knie, Herzschmerz, Kater und Schlafmankos waren an der Tagesordnung. Aber es verging kein Tag, an dem ich mich nicht gespürt hatte. Ich fühlte mich lebendig. Es waren die schönsten Leidensjahre meines Lebens.

Jahre, die ich vermisse, wenn ich um 23 Uhr mit einer Tasse Tee zuhause hocke und Bilder von damals anschaue.

Die französische Autorin Anne Louise Germaine de Staël sagt, man müsse im Leben wählen zwischen Langeweile und Leiden.

virginsuicides1

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