Monthly Archives: October 2014

Genderscheiss ruiniert uns

Dieses Jahr lancierten Sheryl Sandberg, LeanIn.org und die amerikanische Pfadfinderorganisation Girl Scouts zusammen mit Berühmtheiten wie Beyoncé und einer Handvoll Sponsoren die «Ban Bossy»-Kampagne. Ziel war es, diesen Begriff aus dem englischen Wortschatz zu streichen. Der Grund dafür ist schnell erklärt: gibt ein kleiner Junge den Ton an, gilt er als stark und zielstrebig. Gibt ein kleines Mädchen den Ton an, wird sie mit dem negativ konnotierten «rechthaberisch» oder eben englisch «bossy» bezeichnet. Die Folgen: sie lernt früh, dass es sich nicht gehört, als Frau den Tarif durchzugeben, und passt sich (unbewusst) dementsprechend an.

So. Dass dieses Thema omnipräsent ist, war mir schon immer bewusst. Kürzlich wurde ich jedoch in ein Gespräch verwickelt, dass mich wirklich nachdenklich gestimmt hat. Ich war mit Freundinnen unterwegs und wir diskutierten darüber, wie man möglichst kurz und schmerzlos einen unerwünschten Anbagerrer los wird. Fast einstimmig erzählten die Girls von der Nummer mit dem erfundenen Freund.

Ich finde dies aus verschiedenen Gründen bedenklich. Weil es offenbar kein Problem ist, die Meinung einer Frau zu ignorieren, aber weeeehe man verletzt die «Ehre« eines potentiellen Boyfriends. Und weil ich finde, dass Frauen so früh wie möglich lernen müssen, für sich selber einzustehen. Wir schulden nämlich gar niemandem etwas. Genau genommen nicht einmal Höflichkeit.

Eine Kollegin (Anfang 20, intelligent, taff) erklärte mir, sie habe halt einfach keine Lust zum Diskutieren und wenn sie von ihrem Freund erzähle, werde sie in schneller Ruhe gelassen. Ich fragte sie, warum sie nicht einfach ehrlich und höflich eine Abfuhr erteilen kann. Sie erwiderte, weil sie danach schon regelrecht belagert werde. Offenbar wird ein Nein also noch immer nicht als solches wahrgenommen, sondern als «hihi, nein, versuchs mehr». Ich habe schon einmal darüber geschrieben, was ich von diesen ganzen «hard to get»-Spielchen halten. Nun ja, das haben wir jetzt davon. Merci vielmals.

Was dann kam, hat mich wirklich betroffen gemacht. Die Freundin sagte, sie wolle halt nicht als «bitchy» angesehen werden und kein «Arschloch» sein. Das hat mir echt fast das Herz gebrochen. Diese wunderbare junge Frau bezeichnet sich allen ernstes als Arschloch, nur weil sie Avancen nicht erwidert.

Es kam noch schlimmer: sie sagte, sie wolle nicht verantwortlich sein, dass dieser Typ dann nie wieder eine Frau anspricht, nur weil sein Ego zerstört ist. Ergo fühlt sie sich verantwortlich oder hat das Gefühl, einem unbekannten Mann irgendetwas schuldig zu sein.

Ich kam nicht umhin, an den 22-jährigen Elliot Roger zu denken. Nach jahrelangen Zurückweisungen revanchierte sich der Student mit einem Blutbad. Sechs tote Menschen waren die Folge. Die Bewegung «YesAllWomen» entstand. Und irgendwo auf dieser Welt ist seit diesem Tag das Leben von ein paar Frauen zerstört, weil sie Elliot mal eine Abfuhr erteilt haben und nun denken, sie seien Schuld am Tod unschuldiger Menschen.

Ich finde: nein sagen muss man üben. Man muss üben, als Frau Typen zu ignorieren oder wegzulaufen, wenn sie einen weiterhin belagern. Ich schaffs auch nicht immer. Oft werde ich dann aggressiv und werde als Folge beleidigt, beschimpft oder bedroht. Und drum müssen auch Männer was üben: nämlich ein Nein nicht als persönliche Beleidigung aufzunehmen, sondern einfach als das was es ist: ich steh einfach nicht so auf dich. Deine Männlichkeit ist nicht verletzt, wenn du mal keine abkriegst. Deine Männlichkeit hat dann ein Problem, wenn du mit einer Zurückweisung nicht umgehen kannst und zum Arschloch wirst.

Genau hier schliesst sich der Kreis wieder. Früher in der Schule, als du immer so bestimmt warst, das fanden doch alle so stark, nicht? Hat nicht dein Vater dir immer gesagt, du könnest alles haben, solange du deinen Mann stehst? Sagte nicht erst gestern dein Kollege, wie cool er dich finde, weil du so viele Chicks aufreisst? Und hat nicht dein Chef dir mal erklärt, dass man ein Nein niemals akzeptieren soll?

Jungs: we’re in this together. Aber können wir bitte, bitte jetzt damit aufhören?

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Die fetten Jahre sind vorbei

Der erste Job ist wie die erste Beziehung. Intensiv, richtungsweisend, angsteinflössend, aufregend, prägend. Ich erlebte turbulente Zeiten, völlig unverhältnismässige Fluktuationen, eine Übernahme durch ein Muttermedium, den Aufbau einer kleinen Redaktion, sechsmal einen Wechsel meiner direkten Vorgesetzten – alles in dreieinhalb Jahren. Am Ende hab ich gelernt: I should’ve left the party when it was still full.

Ich hab nicht mehr hingepasst; zu vieles hat sich verändert. Wenn du immer noch den guten alten Zeiten und dem Status Quo zu Jobbeginn nachtrauerst, ist auch das wie in einer Beziehung: nur du kannst was ändern und musst gehen.

Es war die richtige Entscheidung. Aber mir fehlen diese Zeiten manchmal. Die Nightlifeszene ist ein spezieller Haufen Menschen und ein Metier, das in keinen wirklichen Rahmen passt. Als erste Berufserfahrung wars für mich ein Eldorado. Natürlich hatte die «work hard play hard»-Nummer auch Nachteile. Aber die Möglichkeiten, die neuen Kontakte, die Einflüsse, die Dramen, die Partys, die Emotionen, der Stress, der Spass, die Tränen, die Hangover…. alles war endlos. Selbst wenns mal so richtig scheisse war, wars irgendwie geil.

Heute weiss ich wieso. Diese Zeit war das letzte Aufbäumen der sorglosen Teenager-Jahre und der reinste postpubertäre Exzess. Don’t get me wrong: Ich mag, wie ich mich weiterentwickelt habe und bin stolz darauf. Ich kann reflektierte und intelligente Artikel schreiben und hab bei wichtigen Diskussionen was zu sagen. Ich habe gelernt, auf mich selber aufzupassen und für mich einzustehen.

Und damals? Damals hab ich zu viel getrunken, zu oft gefeiert, mit vielen statt viel geschlafen, mir oft Druck und selten was richtiges zu Essen gemacht. Verbeulte Knie, Herzschmerz, Kater und Schlafmankos waren an der Tagesordnung. Aber es verging kein Tag, an dem ich mich nicht gespürt hatte. Ich fühlte mich lebendig. Es waren die schönsten Leidensjahre meines Lebens.

Jahre, die ich vermisse, wenn ich um 23 Uhr mit einer Tasse Tee zuhause hocke und Bilder von damals anschaue.

Die französische Autorin Anne Louise Germaine de Staël sagt, man müsse im Leben wählen zwischen Langeweile und Leiden.

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