Monthly Archives: May 2014

Pseudo-Maskulinismus in 110 Sekunden

Dieses Video zeigt, wie eine von einem Mann verprügelte Frau Hilfe kriegt, während ein von einer Frau verprügelter Mann ausgelacht wird. Zurecht wird es auf diversen Online-Plattformen thematisiert und mit dem Prädikat «erschreckend» gestreut. Soweit, sogut. Aber, liebe Facebook-Freunde und geschätzte Medien-Kollegen, habt nicht auch ihr euch vor einigen Tagen darüber lustig gemacht und es als «Kindergarten-Drama» und «Rumzicken» bezeichnet, als Solange Jay Z vermöbelte? Und statt mahnenden Worten lustige GIFs gebastelt, die Solange als «Jay Zs hundertstes Problem» bezeichnen? War das denn nicht dasselbe Szenario und sogar noch in echt? Doppelmoral als Antwort auf Doppelmoral? 

Dennoch finde ich es grossartig, dass ihr dieses Video thematisiert. Wenn Maskulinismus schon einmal auf Gehör stösst, ist das zu unterstützen. Schön wäre es nun, wenn ihr das Thema weiterzieht. Was ist mit Männerrechten? Mal darüber nachdenkt, warum Schwule als abartig und Lesben irgendwie als okay angesehen werden. Oder warum in diesen (auch von Kreti und Pleti geteilten) russischen Schwulenschläger-Videos keine Lesben verprügelt wurden. Oder ihr könntet mit jungen Vätern sprechen, die in einem Sorgerechts-Streit chancenlos waren und dort für Gleichberechtigung kämpfen.

Zurück zum Video: Gewalt gegenüber Männern wird definitiv anders wahrgenommen. Zudem haben Männer a) weniger Anlaufstellen, um sich Hilfe zu holen und b) nicht den Mut, dies zu machen. Weil man doch als Typ nicht zugeben kann, dass einem die Alte daheim schlägt.

Doch ist es nicht vielleicht auch kräftemässig einfacher, sich als Mann zu wehren? Ist es nicht auch logisch, dass Frauen (die sehr oft finanziell und somit existenziell von Männern abhängig sind) ihren Partner nicht anzeigen?

Die meisten Morde an Frauen geschehen durch ihre Ehemänner oder Exfreunde. Margret Atwood, eine kanadische Autorin und Aktivistin, fragte einst einen Freund, warum Männer sich von Frauen bedroht fühlen. Seine Antwort: «Sie haben Angst davor, ausgelacht zu werden.» Dann fragte Atwood Frauen, warum sie sich von Männern bedroht fühlen. Ihre Antwort: «Wir haben Angst davor, von Männern umgebracht zu werden.»

Gewalt-gegen-Maenner

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Über die Selbstverständlichkeit von Sexualität – oder wie ich Feministin wurde und trotzdem glücklich blieb

Der Gedanke an die Emma-Emanze hat mich immer abgeschreckt – weil er für mich ironischerweise zu unweiblich war. Girly sein ist ein grosser und wichtiger Teil von mir. Ich fühle mich tausend Mal besser in einem hübschen Kleid und mit roten Lippen statt ungeschminkt und habe Freude an Schmuck und Schuhen. An manchen Tagen fühlen sich Natur-Look und Trainerhose aber genau richtig an. Und hiermit wäre schon das Wichtigste geklärt: ich trage keinen BH, keinen Concealer und keinen Haarspray weil das Beauty-Diktat mir das vorschreibt, sondern weil ich das will. Aus freiem Willen. Und genau darum gehts beim Feminismus.

Feminismus für Anfänger

Eine Retrospektive: Nach drei Jahren in der Medienbranche war ich zermürbt und frustriert. Ich leistete einen besseren Job als manche männliche Kollegen und wurde dennoch nach so vielen Einsätzen subtil mit Worten wie «Schätzchen» diskreditiert. Es hat mein Herz gebrochen. Weil ich daran glaubte, dass sich gute Arbeit und Ehrlichkeit auszahlen. Doch es hat mir auch die Augen geöffnet, indem es mich auf Missstände wie Sexismus, Diskriminierung und soziale Ungleichheit hingewiesen hat.

Auch privat sah ich zu vieles, das falsch lief. Ich sah Freundinnen, die sich für ihre Partner verstellten. Ich sah junge Männer, die wegen weiblichen «hard to get»-Spielchen ein Nein nur noch als Verhandlungsbasis wahrnahmen. Ich sah die Angst einer Bekannten, ihren Vergewaltiger anzuzeigen. Ich sah zu wenige Frauen in Führungspositionen und hatte zu wenige weibliche Vorbilder.

Es folgte ein immenser Wissensdurst. Ich startete mit einer gänzlich unglücklichen Bücherwahl (die ich aus massivem Respekt gegenüber den Autorinnen hier nicht nennen werde). Bedeutet moderner Feminismus wirklich in erster Linie Frustration und Männerhass? Ich konnte und wollte es nicht glauben. Und las mich entschlossen weiter durch mein persönliches «Feminism-Starter-Kit». Ich durchforstete Webforen und Artikel über Magazine wie das Spare Rib, informierte mich über die Wellen des Feminismus und verbrachte Tage in der Bibliothek. Menschen wie Germaine Greer, Betty Friedan, Gloria Steinem, Caitlin Moran, Naomi Wolf, Simone De Beauvoir, Sheryl Sandberg und Personen in meinem Umfeld klärten mich auf. Ich lernte vieles über die Suffragetten, über das Loi 1920, über den Kampf um den eigenen Körper und auch über modernen, Drittwelle-Feminismus.

Revolution Girl Style Now

Bei letzterem hat mich vor allem die Bewegung der Riot Grrrls als zentraler Begriff gepackt. Im amerikanischen Olympia wurden Anfang der 90ern feministische Girl-Punkbands wie Huggy Bear und Bikini Kill oder Zines wie das Jigsaw gegründet und wurden zu lauten Stimmen einer Generation. Slutwalks, Pussy Riot und Femen-Aktivismus zeigen: die Grrrls hauen noch heute heftig auf den Putz. In Europa verbreiteten die Medien Mitte der 90er die Weichspüler-Version dieser Kick-Ass-Bewegung: Girl Power. Im Gegensatz zu ihrer punkigen Mutter, war Girl Power aber sehr kommerzialisiert. Gruppen wie die Spice Girls benutzen den Begriff eher als Marketing-Argument, denn als wahre Maxime und politisches Statement. Und dennoch, im Wissen alledessen, kann ich mit Girl Power am meisten anfangen. Weil es Feminismus mit Girlism verbindet und somit meiner ganz persönlichen und daher in jeder Hinsicht richtigen und wichtigen Definition von Feminismus sehr nahe kommt.

Pendenzen fürs Jetzt

Wir westlichen Frauen von heute müssen nicht mehr für Mammut-Themen wie das Frauen-Stimmrecht, reproduktive Selbstbestimmung oder den Zugang zu Eliteunis kämpfen. Wir kämpfen für Anliegen wie ökonomische Gleichstellung, sexuelle Selbstbestimmung, Gender Studies oder Familienpolitik.

Der Kampf moderner Feministinnen ist noch lange nicht vorbei. Wir verdienen noch immer massiv weniger als unsere männlichen Berufskollegen und schmeissen folglich aus ökonomischen Gründen unsere Karrieren zugunsten der Familie hin. Wir werden zu 25 Prozent in unseren Leben Opfer sexueller Belästigung oder sexueller Übergriffe. Wir werden für Abtreibungen verurteilt. Wir erhalten weltweit weniger Essen als unsere Brüder. In den USA werden beispielsweise 99 Prozent der Jungen gestillt, während nur 66 Prozent der Mädchen an die Brust dürfen. Diskriminierung findet nach wie vor statt – und zwar perfider, subtiler und daher gefährlicher denn je. Und schauen wir mal über die Landesgrenzen hinaus, sehen wir, dass der Kampf für Gleichberechtigung in anderen Ländern und Religionen überlebenswichtig ist.

Feminismus beginnt mit deinem Körper 

In diesem Texte möchte ich mich explizit auf einen Missstand konzentrieren – weil er für mich der Grundstein der feministischen Debatte legt: Wenn junge Frauen im Jahr 2014 ihren sexuellen Bedürfnissen nachgehen, kommen sie die volle Kraft der gegenwärtigen Doppelmoral zu spüren. Slut-Shaming ist ein besorgniserregendes soziokulturelles Problem. Und zwar geht es nicht nur von Männern aus, sondern auch von weiblichen Geschlechtsgenossinnen. Manche bezeichnen eine «Schlampe» als «Frau mit den moralischen Überzeugungen eines Mannes». Ich habe Mühe mit dieser Definition. Weil sie das Bedürfnis nach Sex (und männliche Moralvorstellungen) fälschlicherweise als etwas grundsätzlich Schlechtes darstellt.

Eine normale Frau zu sein, mit einem normalen Körper, einer normalen Beziehung zu ebendiesem und einem normalen Drang zur Sexualität, ist ein moralisches Minenfeld. Nur wenige Frauen sprechen über ihre Eroberungen. Nicht, weil sie nicht das Bedürfnis dazu haben, sondern weil sie Angst haben. Angst, verurteilt zu werden. Weil eine Frau, die eine Stimme hat und ihre Sexualität zu Recht als ihr Eigen ansieht, gefährlich ist. Weil Selbstbestimmung, einer der Grundpfeiler des Feminismus, als unsexy gilt. Sag einem Mann alles. Aber sag bloss nicht das andere F-Wort.

Friendzoning: ein Körper als Ware?

Doch eine Frau, die sich jedes Wochenende einen neuen Liebhaber sucht, kann gleichzeitig auch die coolste und überzeugendste Emanze der Welt sein. Solange sie mit ihren Männern schläft, weil sie das will. Und nicht weil er es will. Ein auf dieses Thema bezogener Begriff macht mir momentan Sorgen: das Friendzoning. Typen, die denken, bloss weil sie nett sind, hätten sie es verdient, «rangelassen» zu werden. Jüngst war ich mit einer grossen Gruppe unterwegs und am Ende des Abends waren wir noch zu zweit übrig. Ich hatte peinlicherweise vergessen, wie mein Gegenüber hiess und fragte bei einer Freundin per SMS nach. Nachdem sie mir seinen Namen schickte, fügte sie an «Do him. Er ist ein Guter und hat es verdient».

Und das ist auf ganzer Linie so unglaublich falsch. Weil es Sex als Ware darstellt. Sei nett zu ihr und verdien dir deinen Sex. Wäre ich darauf eingegangen, hätte ich meinen Körper als Währung in einem moralisch desaströsen Kuhhandel verkauft. Und DAS ist schlimm. Nicht die Mädchen, die sich die Bad Boys schnappen, weil diese sie scharf machen. Sondern die Mädchen, die Mitleid mit einer anderen Person über ihren eigenen Körper stellen.

Ich verstehe die Frustration dieser «guten Kerle». Warum stehen Girls auf die bösen Jungs? Was erregt uns beim Gedanke an Männer, die uns möglicherweise weh tun? Nun, dass sie uns möglicherweise weh tun. Auch hier gilt es zu unterscheiden: stehen wir wirklich darauf, wenns mal ein bisschen härter ist, wenn wir vielleicht mal gewürgt werden und wenn wir am nächsten Tag Spuren davon tragen? Oder ist der Zusammenhang von Sex und Gewalt bloss ein Resultat eines medialen Brainwash?

Warum Pornos so viel zerstört haben

Die Wahrnehmung von Sex meiner Generation ist geprägt von Pornos. Wir werden nicht mehr bloss in der Schule oder von unseren Eltern aufgeklärt, sondern massgeblich von Handy- und Internetfilmchen beeinflusst. Würden diese Filmchen realitätsnahen Sex wiederspiegeln, wäre daran nichts auszusetzen. Doch sie tun es nicht. Leidenschaft, Zärtlichkeit und das Prickeln zwischen zwei Menschen gehen völlig verloren. Der weibliche Orgasmus ist sekundär: Mädchen lernen durch Pornos (und Scheissheften wie dem Cosmo) zwar tausend Blowjob-Arten, aber kein Mann lernt in Pornos, wie man eine Frau oral befriedigt. Dies ist verheerend in zweierlei Hinsicht. Erstens kommen im echten Leben Frauen viel weniger auf ihre Kosten. Zweitens sind einige Männer völlig überfordert, sobald sie mit dem komplexen, weiblichen Geschlechtsorgan Bekanntschaft machen.

Pornos zeigen auch eine völlig realitätsfremde Körperlichkeit. Es ist nicht normal, dass sich die Brüste einer Frau beim Sex nicht bewegen. Es ist nicht normal, dass der Intimbereich einer erwachsenen Frau so aussieht, wie der eines Mädchens. Es ist nicht normal, dass ein Mann über Stunden standhaft bleiben kann und es ist nicht normal, dass jeder Penis gerade, dick und gross ist.

Das wissen wir. Doch es spielt keine Rolle mehr, weil die Porno-Bilder bereits in unserem Gehirn eingeprägt sind und wir uns ständig daran messen. In zahlreichen Umfragen gab ein Grossteil der männlichen Befragten an, dass sie es scharf macht, wenn sie einer Frau beim Sex Schmerzen zufügen oder wenn die Partnerin den Eindruck vermittelt, unter Schmerzen zu stehen. Auch viele Frauen sind bei Fantasien, in denen sie die Unterworfenen sind, erregt.

Können wir bitte wieder Liebe machen?

Kein Wunder. Weil sich Feminist-Porn, also die Darstellung von reellem und gleichberechtigtem Sex, noch nicht durchgesetzt hat. Weil Sexszenen in Rom-Coms nur angedeutet und selten auch gespielt werden. Weil Sex heute offenbar nicht mehr als normaler Teil einer Romanze angesehen wird. Eine andere Theorie: würden beispielsweise Kioskroman-Autorinnen nicht nur das «schicksalhafte Treffen» der Protagonisten, sondern auch den daraus resultierenden Geschlechtsverkehr mit derselben Hingabe schreiben, hätten viele Leserinnen ein anderes und gesünderes Bild von Sex. Weil ein ganz natürlicher Approach zu Sexualität vermittelt werden würde.

Wir haben keine Angst 

Wir müssen Sex endlich als etwas völlig normales ansehen. Wir müssen aufhören, aufzuschreien, wenn irgendwelche Berühmtheiten mit Eskalationen auf sich aufmerksam machen. Who cares? Wir müssen aufhören, die guten Nachtgeschichten als «Schandstorys» zu betiteln. Wir müssen aufhören, den Nachhauseweg nach einer hoffentlich lustvollen Nacht als «Walk Of Shame» zu bezeichnen – weil es sich für absolut nichts zu schämen gilt.

Frauen sollen über ihre Abenteuer erzählen dürfen. Meiner Meinung nach sollten sie das sogar viel öfters tun – insbesondere in Anwesenheit von Männern. Wenn wir unsere One-Night-Stands aus Angst vor Slut-Shaming verschweigen, tabuisieren wir sie und somit auch unsere Sexualität selber. Würden wir natürlicher damit umgehen, würde es vermehrt als das angesehen werden, was es ist: no big deal.

Warum wir Feminismus brauchen

Und noch was: ich glaube keiner einzigen Frau, die behauptet, modernen Feminismus nicht nötig zu haben. Du bist einfach zu faul, um dich mit den wichtigeren Themen des Lebens auseinanderzusetzen. Eines kann ich dir garantieren: Feminismus wird dich unglücklich machen. Wenn du dir mal Mordraten weiblicher Embryos, Vergewaltigungs-Statistiken, Lohnvergleiche, Artikel über Genitalverstümmelung oder Anorexie-Reportagen reinziehst, wünschst du dir sehnlichst, diese Zahlen ganz schnell wieder vergessen zu können. Ignorance is bliss. Aber an der anfänglichen Frustration sind nicht deine feministischen Recherchen Schuld, sondern die Dinge, die du durch sie aufdeckst und realisierst.

Feminismus ist nicht elitär, aber wahnsinnig komplex. Aber jede Frau kann sich gegen soziale Ungleichheit einsetzen. Indem du jedem Typen, der dein Nein nicht akzeptiert, eine moralische Standpauke hältst, die sich gewaschen hat. Indem du deinen Boyfriend mal fragst, wies denn ihm so geht in dieser Welt. Indem du dich gegen Cybermobbing einsetzt. Indem du dir vielleicht mal die Mühe machst, zu verstehen, warum Männer so ticken, wie sie ticken. Indem du Freundinnen einlädst und mit ihnen über Feminismus sprichst. Indem du andere Frauen unterstützt und für dich selber einstehst statt zu jammern. Und indem du deinen eigenen Körper mit dem Respekt behandelst, den er verdient.

Und sobald du weisst, warum du dich nach dem Durchblättern eines Frauenmagazins fett fühlst und soviel darüber gelesen hast, dass du darüber stehen kannst. Wenn du damit anfängst, bei Dates Klartext zu sprechen. Wenn du öfters masturbierst und somit deine Bedürfnisse besser kennenlernst. Wenn du aufhörst, dich mit retuschierten Models zu vergleichen und siehst, wie schön und stark du eigentlich bist: dann fühlt sich Feminismus fast so gut wie Sex an.

Foto am 23.05.14 um 12.09 #2 Anne-Sophie, 24, Girlie, Feministin.

 

Wie man trotz Social Media ein glückliches Sozialleben führt

Ich verbringe gerade einen Frühling in einem französischen Schloss. Ohne Strom, ohne WhatsApp-Kumpel, ohne Facebook-Selbstdarstellung, ohne zuverlässige WiFi-Verbindung. Und als Prototyp der Generation-Y hatte ich natürlich schon nach kurzer Zeit eine dieser wahnsinnig tiefgründigen Erleuchtungen. Ich schrieb meinen Eltern und Freunden Zuhause Hipsterkacke wie «weisst du, die Gespräche sind eben alle so echt hier» und «auch die Natur ist so schön, sie erdet einen richtig».

Daheim in meinem Yuppie-Leben habe ich 1500 Facebook-Freunde. Wenn ich ins Tram steige, schaue ich nach, ob mir jemand auf WhatsApp geschrieben hat. Und wenn meine innere Attention Whore mal wieder Überhand nimmt, poste ich ein Selfie auf Instagram und möble mein Selbstwertgefühl mit jedem Herzchen auf.

Diverse Gruppen kriegen bei solchen Worten einen regelrechten Herzinfarkt. Das sei doch «wahnsinnig» wie diese Jungen nur noch an ihrem Handy kleben. Gerade die Social-Media-Verweigerer klugscheissen bei solchen Sätzen um die Wette. Es gibt den Satz «ever wondered if somebody is a vegetarian? Don’t worry, they’ll fucking tell you». Etwa gleich verhält es sich bei Facebook-Abstinenten, die das Ganze eben «nicht nötig haben».

Auch sogenannte Social-Media-Experten Mitte 40 (kleine Bemerkung am Rande: als die jung waren, gabs noch nicht mal Internet. Sie wurden nicht im digitalen Zeitalter sozialisiert. Zudem kann ich keinen, der nicht schon einmal die Folgen von drunk-posting zu spüren bekam, als Experten wirklich ernst nehmen) oder Timeline-Besserwisser finde ich mühsam. Letztere posten dann Dinge wie das sentimental-heuchlerische «Look Up»-Video – was meiner Meinung nach an Ironie kaum zu überbieten ist (obschon es dort fairerweise die Leute erreicht, dies betrifft). Du hast 422 Freunde und fühlst dich trotzdem allein? Daran ist nicht Facebook schuld, sondern womöglich deine fragwürdige Prioritäten-Setzung. Oder dein Charakter.

Dazu kommen Medien wie die Huffington Post, die meiner Generation ewiges Unglück prophezeien, wenn wir uns bloss mit uns selber beschäftigen. Ich beobachte und kriege in vielen Gesprächen mit, dass dieses ewige Verteufeln von Facebook manche «Betroffene» wahnsinnig nervös macht. Sie kriegen Panik, wenn sie herausfinden, wie viel Zeit sie online verbringen und machen hysterische Social-Media-Detox-Ausflüge irgendwo in die Berge, wo’s dann jaaaa keinen Empfang hat.

Meine Botschaft? Beruhigende Worte aus dem Exil. Ich lebe seit zwei Monaten mit haufenweise alternativen Menschen in einer Hippie-Gross-WG zusammen. Und ich rede hier nicht von Biojoghurt-alternativ. Ich rede von Selbstversorger-alternativ. Ich durfte vieles von diesen grossartigen Menschen lernen. Zum Beispiel, dass Malen manchmal zum Abreagieren hilft. Oder wie man ein Huhn schlachtet. Aber was ich eben auch gelernt habe ist, dass sogar Menschen, die mit sich selbst, der Natur und der Welt im Allgemeinen total im Reinen sind, ihren Scheiss manchmal genauso wenig auf die Reihe kriegen wie wir «Zivilisationsgeschädigten». Die, die selber als Paartherapeuten tätig sind, setzen auch jede zweite Ehe in den Sand. Die, die noch nie was von sich gepostet haben, sind bei Konversationen im echten Leben manchmal auch Nieten. Und Oversharing ist in echt noch viel schlimmer.

Darum: keep calm and stay online. Eure echten Freunde rennen euch nicht davon, sobald die digitalen Freundschaften die Tausendermarke knacken. Auch Yolo-Kinder können anständige Bewerbungen schreiben. Wenn jemand vier Stunden im Chat verbringt, muss dieser Abend nicht zwingend verschwendet sein. Ich hatte auf diese Weise etliche wahnsinnig bereichernde Konversationen. Im Schneidersitz auf meinem Bett, mit guter Musik in den Ohren und einer Tasse Tee in der Hand. Waren diese Stunden verschwendet? Keineswegs. Wars dann schräg, diese Menschen nach gegenseitigen Seelenstrips durch den digitalen Äther persönlich zu treffen? Manchmal – aber auch immer lustig und spannend.

Ich sage nicht, dass man das alles so hinnehmen soll. Es ist wichtig, dass eine Generation ihre Eigenschaften hinterfragt. Diskussionen über das Konversationsverhalten einer Kohorte können sehr aufschlussreich sein: Ich finds auch asozial, wenn jemand beim Essen telefoniert oder Nachrichten schreibt. Das hat aber weniger mit Internetsucht zu tun, sondern vielmehr mit Anstand und mit einer 24h-Gesellschaft. Ich finde es schlimm, wie manche Leute ihre Feinde «hate-followen». Klar hat erst Facebook das so einfach gemacht, doch Stalker gabs schon immer. Menschen, die herumhaten, haben zudem in erster Linie mit sich selbst ein Problem und nicht mit ihrer Webpräsenz. Mich beunruhigt, wie einfach Asi-Promis durch neue Medien berühmt werden. Doch Marilyn Monroe war damals auch nicht wirklich ein gutes Vorbild für junge Frauen. Mich machts traurig, wenn ich meine BFFs teilweise wochenlang nur höre, statt sehe. Aber das hat primär damit zu tun, dass wir alle viel zu viel arbeiten.

Ich finde es schön, geliebte Menschen immerhin online zu sehen. Ich hab meine Freundinnen immer bei mir in der Handtasche. Irgendjemand nimmt auch Mitten in der Nacht das iPhone ab, wenn ich über Gott und die Welt reden muss. Meine Mutter kann mich stalken, wenn ich mal zwei Wochen nicht anrufe und weiss, obs mir gut geht oder nicht. Willkürliche Facebook-Anfragen wurden bei mir zu Freundschaften fürs echte und digitale Leben. Eine eifrig postende Bekannte aus England nimmt mich sogar mit auf ihre Weltreise, sobald ich ihr Profil anklicke. Social Media hat zudem viele relevante Dinge erst möglich gemacht (Arabischer Frühling anyone?).

Solange man sich doch noch ab und zu unter Leute mischt, solange man sich nicht nur über Likes definiert und solange man Mama dann doch mal wieder anruft, ist alles okay.

In dem Sinne: möge euer aller Leben so toll sein, wie ihr es immer postet.