Die Leiden des jungen Werber

Mit «Roni Rännvelo» schuf Andrea Schneider eine grandiose Persiflage auf die Kämpfe moderner Grossstadtkinder.

Roni Rännvelo (zum Video) ist die Hauptfigur der Comic-Persiflage auf das Leben der Grossstadt-Hipster. Der Stadtfuchs erfüllt dabei alle Klischees: Er fährt Rennvelo, arbeitet als Grafiker, jobbt nebenbei als Velokurier, trägt Röhrlijeans, besucht Vernissagen und bedient sich eines Vokabulars voller Anglizismen. Ein Grosskotz. Wenig sympathisch.

Von Anpassung und Ausblendung

«Leute wie Roni sind überall. Sie sind zwar nervig, faszinieren aber auch», erzählt Macherin Andrea Schneider gegenüber tilllate.com. «Roni kommt vom Land und ist ein völliges Tier. Das Grossstadtleben fasziniert ihn.» Im urbanen Gefilde fürchtet er sich vor Ablehnung: «Er will so cool sein, wie die Städter. Dann guckt man halt ab.» Doch findet Roni Vernissagen und Video-Installationen wirklich cool? «Ja. Aber der Lebensstil wird aufs äusserste zelebriert und nicht hinterfragt», sagt die Zürcherin.

Das Tier im Manne

Doch so einfach lässt sich Roni nicht schubladisieren. Er besinnt sich auf traditionelle Werte und verwirklicht sich dennoch in einer digitalen Welt voller Video-Installationen und Foto-Projektionen. Er gibt sich damit zufrieden, ein unsichtbarer Teil des Szeni-Filzes zu sein und stellt sich dennoch mit einem Blog ins Rampenlicht. Er kennt die ganze Stadt und dennoch geht kein Gespräch über Small Talk heraus. Sogar Ronis Selbstverwirklichungs-Bühne, Zürich, scheint eine Identifikationskrise zu haben: Denn warum sonst sprechen immer alle von Berlin?

Im Comic ist Roni als Fuchs gezeichnet. Hier wird seine Zwiespältigkeit deutlich. Im Gespräch mit den Fuchseltern, welche seine Tätigkeit keineswegs und wortwörtlich nicht verstehen, fällt er sogar in seine Muttersprache zurück. Und manchmal rutscht Ronis Fuchsschwanz aus den Röhrlihosen raus – als Repräsentation fürs Animalische, Primitive – und Echte. Als Roni betrunken eine Party verlässt, sagt er: «Das Tier im Manne kommt anscheinend doch besser an.»

Die Generation ohne Eigenschaften

Die Reaktionen auf Schneiders Werk waren durchwegs positiv: «Auch Leute, die ein bisschen wie Roni sind, waren begeistert. Sie erkannten sich zwar, haben aber einen grossen Sinn für Ironie», erklärt die 26-Jährige.

Roni Rännvelo erzählt von Twenty-Somethings, die so viele Möglichkeiten haben, dass sie unfähig wurden, Entscheidungen zu treffen. Es ist ein erschreckendes und dennoch liebevolles Porträt einer Generation ohne Eigenschaften. Eine Kohorte, die sich in Individualismus flüchtet und in den Tag hineinlebt. Kinder der 80er-Jahre, überall und doch nirgends.

(für 20min.ch und tilllate.com, Januar 2013)

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