Das grosse Bluffen

Cyber-Romeos, Vaterkomplex und Dirty Sanchez: Eine Woche All-Inclusive im ganz normalen Singlebörsen-Wahnsinn.

Wenn man nach einer Trennung den Schmerz mit genügend Typen und Vodka gekillt hat, ist man irgendwann wieder bereit für etwas Ernstes. Das muss nicht die grosse Liebe sein, mit der man ein Haus baut. Am Anfang sind nur schon Dates ein grosser Schritt. Deshalb habe ich mich für eine Woche bei einer Single-Börse angemeldet. Ich will anregende Gespräche. Aufrichtiges Interesse. Erste Küsse. Nüchternen Sex.

Hoi zäme

Ein grosses Schweizer Single-Portal scheint sympathisch. Beim Anmelden mache ich das, was alle machen. Ich suche das beste Bild von mir aus und schreibe eine kleine Lobeshymne über mich. Jetzt heisse ich «VanillaSkyy». Am ersten Tag verplempere ich viel Zeit auf «Date-Roulette». Das Tool schlägt mir ein paar Romeos vor und ich kann auf «Nächster», «Vielleicht» oder «Ja» klicken. Das ist lustig. Bis mich das System anpöbelt – ich sei zu wählerisch. In den nächsten 48 Stunden bin ich passiv. Die Konsequenz: Mein Postfach explodiert. Keine Ahnung, wo ich mit lesen anfangen soll.

Die Postfach-Autopsie

Am Donnerstag ziehe ich ein Fazit: Nur etwa fünf Prozent der Cyber-Romeos passen in mein Konzept. Das grösste Problem ist das Alter. Ich bin etwas über 20, habe eine gesunde Beziehung zu meinem Vater und brauche keinen Sugar Daddy. Das Durchschnittsalter von Single-Börsen liegt bei etwa 35.

Weiter gibt es haufenweise Perverslinge. Das Gute daran: Wortschatz-Erweiterung.  Ich weiss jetzt, was eine «Rainbow-Party» ist und was «Dirty Sanchez» zu bedeuten hat. Bei drei Typen heisst es: «Das Mitglied, das Ihnen diese Nachricht geschickt hat, hat sich mittlerweile abgemeldet.» Hat das Mitglied die Hoffnung verloren oder das Glück gefunden? Immerhin: Zwei einsame Herzen scheinen nett.

Wie im Film

Am Freitag- und Samstagabend geht’s zur Sache: Datenight! Ich treffe einen 23- und einen 27-jährigen Beau. Mit «Date» meine ich die «Er-zahlt-Essen-ich-trage-ein-hübsches-Kleid»-Nummer. Inklusive Gutnachtkuss nach dem zweiten Date vor meiner Türe. Hollywood-Kitsch – ich bin so.

Am Freitag stellt sich heraus, warum viele Online-Beziehungen scheitern. Alle bluffen – inklusive mir. Freitagabend-Typ übertreibt aber massiv. Er habe eben schampar viel Geld. Ich muss weg. Also sage ich, dass ich in die Redaktion müsse, weil der, der Nachtschicht hat, gerade Vater wurde. Keine Ahnung wie ich auf so Ideen komme. Mein Date glaubt es. Vom Samstagabend-Kandidat verspreche ich mir mehr. Er scheint nett, intelligent und witzig zu sein. Und natürlich sieht er gut aus. Das Date verläuft gut, aber ich fühl’s nicht. Am Ende zahle ich mein Essen selber und sage, dass der berühmte Funke leider nicht übergesprungen ist.

Back to Reality

Am Sonntagmorgen bin ich nachdenklich. Eine Woche Single-Börse war grosses Kino. Ich hatte interessante Chat-Unterhaltungen, zwei Dates und kann nun 17 Telefon-Nummern mein Eigen nennen. Im Gegensatz zum echten Leben hat man online zwar mehr Kontaktmöglichkeiten, weiss jedoch viel weniger, was man am Ende kriegt.

Fazit: Ich bin eher der Real-Life-Typ. Jemand, der zuerst anlächelt, in die Augen schaut und zuhört, wie tief seine Stimme ist. Jemand, der seine Hand auf der Schulter fühlen will, wenn ich ihm meine Nummer zustecke. Ich will am nächsten Morgen aufwachen und nicht wissen, was passiert. Will verzweifeln, wenn er nicht anruft. Will lächeln, wenn er es doch tut. Das echte Leben halt.

Das Mitglied, das Ihnen diese Nachricht geschickt hat, hat sich mittlerweile abgemeldet.

(für 20min.ch und tilllate.com, Juni 2012)

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