Menschen und Maschinen

Technologien von morgen und ein Frauenbild von vorgestern: Diese Woche geht in Genf der 86. Autosalon über die Bühne. Ausgestellt werden Autos. Und Frauen. Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der der weibliche Körper konsequent als Ware verkauft wird. Doch wenn ein Hersteller es nötig hat, sein Produkt mit nackter Haut zu verkaufen, ist womöglich einfach das Produkt schlecht.

An der Shanghai Auto-Show 2015 gab es erstmals keine Hostessen. Firmen sollen sich auf die Qualität konzentrieren. Die Reaktionen zeigten deutlich, wie die Messe-Besucher über die Frauen denken. Es ging von «Ohne Hostessen gibt es doch nichts zu sehen» bis «Wann werden die Autos verbannt, damit ich die Models besser sehen kann?».

Auch Schlagzeilen zur deutschen Internationalen Automobil-Ausstellung sind aufschlussreich. Ein Auszug: «Die heissesten Messe-Hostessen», «Schöne Frauen, praktische Autos» oder «Heisse Frauen und schöne Autos».

Sie zeigen, was der Zweck dieser Frauen ist: Die pure Fleischschau.

Lewis-Hamilton

 

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Barbie gone bad

Seit ihrer Geburt im Jahr 1959 hat Barbie einige gesellschaftliche und modische Trends durchgemacht. Dabei sorge die berühmteste Puppe der Welt nicht selten für einige handfeste Skandale. Hier mein Liebster:

In den 90ern formierte sich die «Barbie Liberation Organization». Die AktivistInnen operierten 1993 ein paar Hundert sprechende Barbiepuppen um. Sie entwendeten mehrere Exemplare der Blondine sowie der ebenfalls sprechenden Actionpuppe G.I. Joe aus Spielzeugläden. Nachdem die Stimmböxli vertauscht waren, kamen die Spielzeuge zurück in die Regale.

Das Resultat: Die Teen Talk Barbie schrie fortan Phrasen wie «Vengeance is mine!» durchs Kinderzimmer, während die G.I. Joe einigen wohl ziemlich irritierten Kindern Perlen wie «The beach is the place for summer!» entgegensäuselte.

Die stärkste Zeitung der Schweiz und Sexismus: Ein offener Brief an Blick.ch-Chefredaktor Rüdi Steiner und People-Ressortchef Dominik Hug

Lieber Rüdi Steiner, lieber Dominik Hug

Am 10. April 2015 publizierte eine Blick.ch-Schreibkraft unter Ihrer Verantwortung einen Artikel mit dem Titel «Vaginal-Tabletten in Frieda Hodels Kühlschrank: Fieses Souvenir vom ’Bachelorette’-Dreh?» In den darauffolgenden 1400 Zeichen stellen Sie die 31-Jährige auf vernichtende Weise bloss. Sie machen sich über ihre Gesundheit lustig und unterstellen ihr, es auf dem Set womöglich etwas zu bunt getrieben zu haben.

Eins vorweg: Im Laufe ihres Lebens leidet beinahe jede Frau mindestens einmal an einer Vaginalmykose, die zu den häufigsten genitalen Infektionen gehört. Fast jede gesunde Frau besitzt die Erreger in ihrem Intimbereich. Für den Ausbruch gibt es oft psychosomatische Faktoren. Hormonelle Schwankungen wie Schwangerschaft, Wechseljahre oder das Einnehmen der Pille führen ebenfalls oft zu einer Erkrankung. Zu den gängigsten Arten gehört der Scheidenpilz nach der Einnahme von Antibiotika. Manchmal reicht auch nur ein Tag im Hallenbad, um die Vaginalflora aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wechselnde Sexualpartner sind hingegen bloss eine von vielen Ursachen.

Die Unterstellung «Souvenir vom Bachelor-Dreh» ist ein Paradebeispiel für Body- und Slut-Shaming, das in der heutigen Boulevard-Kultur oft und gerne betrieben wird. Indem Sie solche Artikel publizieren, geben Sie Lesern wie Lionel Werren eine Steilvorlage: «Was solls, das kommt vom rumbumsen. Ist nur menschlich ääh weiblich [sic!]», so sein Online-Kommentar.

Lassen Sie uns doch mal kurz die Richtlinien des Schweizer Presserates repetieren.

Absatz 7: «[JournalistInnen] respektieren die Privatsphäre der einzelnen Personen, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil verlangt.»

Ich finde nicht, dass ein Scheidenpilz Bestandteil des öffentlichen Interesse ist. Auch hier gehört der oft gehörte Oxford-Satz zitiert: Viel zu oft wird «the public interest» (das kollektive öffentliche Interesse) mit «the public’s interest» (der Neugier des Pöbels) verwechselt. Die «stärkste Zeitung der Schweiz» sollte sich dessen bewusst sein. Ums etwas verständlicher zu formulieren: man muss nicht jeden Scheiss bringen, nur weil ein paar gelangweilte Menschen derart darauf aufspringen.

Absatz 8: «[JournalistInnen] respektieren die Menschenwürde und verzichten in ihrer Berichterstattung in Text, Bild und Ton auf diskriminierende Anspielungen, welche (…) das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, Krankheiten (…) zum Gegenstand haben.»

I rest my case. JournalistInnen sichern den öffentlichen Diskurs. Jedoch hat die Verantwortlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit den Vorrang vor jeder anderen.

Ich erhielt auf meinen Facebook-Kommentar zu Ihrem Artikel eine Schwemme von Mails. Von Männern, die den Artikel daneben fanden. Von Frauen, die sich bedankten, dass solche Missstände angesprochen werden. Und von Geschlechtsgenossinnen, die mir prompt ein paar Bilder aus ihrem Kühlschrank und Medizinschränkchen sendeten (siehe unten, ZVG). Wir sind Team Frieda.

Und wir sind uns einig: Die Art, wie über den weiblichen Körper berichtet wird, muss aufhören. Der weibliche Körper ist kein Objekt. Er ist ein Körper. In den meisten Fällen nicht das, was Sie unter perfekt verstehen. Sondern lebendig und menschlich. Mit Krankheiten. Blutungen. Cellulite. Schamhaaren. Schwangerschaftsstreifen. Narben. Nichts davon gibt Ihnen das Recht, so über ihn zu schreiben.

2010 hat die Blick-Gruppe den Hängebusen der frischgebackenen (und wirklich wunderschönen) Mutter Ladina Blumenthal zum BaA-Titelblatt gemacht. Body-Shaming scheint bei Ihnen Tradition zu haben. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, einen neuen Kurs einzuschlagen.

Der weibliche Körper ermöglicht uns Frauen, Studienabschlüsse zu machen. Er trägt uns auf Reisen um die Welt herum. Er kann Kinder gebären. Er lässt uns sexuelle Befriedigung verspüren. Er ist stark genug, fünf Jahre länger als ein männlicher Körper zu überleben.

Er verdient Respekt. Auch von Ihnen.

Freundliche Grüsse, eine Gruppe um Anne-Sophie Keller

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Hört auf, Sexismus zu promoten!

Wir schreiben das Jahr 2015. Bekannte Tageszeitungen stopfen das Januarloch mit einem kleinen DIY-Sexfilmchen. Das Video zeigt zwei betrunkene Ausgänger bei der heldenhaften Idee, während einer Party Sex in einem Luzerner Club zu haben. Meiner Meinung nach ist die Aktion nicht wahnsinnig überlegt, aber das Nachtleben treibt bekanntlich schräge Blüten. Und ich finde poppende Partygäste allemal besser als prügelnde Partygäste. Make Love Not War und so.

Gut. Nun ein weder inhaltlich noch grammatikalisch angepasster Auszug der Kommentare (sic!):

«Die Frau ist nicht wirklich ein Teenie … Die geht schon eher Richtung Milf (sie ist über 45). Scheint sehr tief gefallen zu sein. Schade.»

«Was wird wohl der Vater diese Mädchens dazu sagen? Er wird sich fragen, was da wohl falsch gelaufen ist und sich an die Zeit erinnern, als er seine Tochter als Baby im Arm hielt …»

«Schade, dass Frauen ihren Stolz verloren haben und jetzt sogar in öffentlichen Gebäuden Männer ranlassen.»

«Genau dank solchen Frauen denken wir Männer (wie ich auch), das alle Frauen nur Objekte sind obwohl es noch solche gibt mit Stolz und Würde.»

«Erbärmlich: Wie kann man als Frau nur so billig sein. Die sollten sich schämen!»

«Wie kann man als Frau so tief sinken?! Wäre das meine Tochter, würde ich durchdrehen! Das Video soll nicht gelöscht werden, sondern die Realität zeigen wie sie leider ist!»

«Ist heutzutage absolut kein Problem für den Mann. So würdelos und distanzlos die heutigen jungen Damen sind, schafft das nun wirklich jeder.»

Das Kommentarspalten der Höllenschlund des Internets sind, ist allgemein bekannt. Aber diese Epizentren der Dummheit werden ja trotzdem von Medienhäusern kuratiert.

Nun, leider nein. Ein Journalist, der die Geschichte veröffentlicht hat, haut nämlich gleich nochmals in dieselbe Kerbe. Die einzigen zwei Kommentare, die er in seinem Text aufnimmt: «Das ist ein Skandal, die haben absolut keine Würde, diese Leute!» und «Schade, dass so viele junge Frauen keinen Stolz mehr haben.»

Die Anzahl Kommentare-Trolle, die explizit den Mann angreifen? 0.

Sind wir echt noch nicht weiter gekommen? Ist weiblicher Sex immer noch nicht dasselbe wie männlicher Sex? Was mich dabei am traurigsten macht, ist die Tatsache, dass das nicht einfach Stimmen von ein paar hobbylosen, traurigen Versagern waren, sondern dass all diese Kommentare ein wirklich beschissen akkurater Spiegel unserer Gesellschaft sind.

Offenbar ist es voll easy, eine Frau zu vögeln. Aber wehe, es ist selbstbestimmter Sex! Diese Vergewaltiger-Mentalität ist nicht nur massiv zurückgeblieben, sondern macht mir als junge Frau extrem Angst.

Was mir auch Angst macht, ist zu sehen, wie unreflektiert viele Medien mit solchen Themen umgehen. Ich frage mich manchmal echt, ob gewisse JournalistInnen auch nur einen blassen Dunst davon haben, was für eine Verantwortung sie eigentlich tragen und was sie mit einer solchen Reichweite anstellen können.

Das war schon bei der ganzen Charlie-Hebdo-Geschichte so. Statt sich ernsthaft mit den Kommentaren und Ängsten auseinanderzusetzen, packt man lieber Storys mit kriegsverschwörerischen Titeln auf die Front. Hetze in einer Zeit, in der die ganzen Bünzli-Schweizer eh schon am hyperventilieren waren. Aber hey: Klickraten! Geil!

Ich kann solche Artikel hinterfragen. Aber es gibt wirklich viele Menschen, bei denen Publikationen auf wunde Punkte treffen und die alles, was irgendwie auf Papier gedruckt oder online gestellt wird, für bare Münze nehmen. Und drum muss das aufhören. Es muss aufhören, dass Schweizer Medien sich mit ihrer Leserschaft nicht auseinandersetzen. Und es muss aufhören, dass täglich Ressentiments geschürt werden. Sei es politisch oder gesellschaftlich.

Letztes Jahr kursierte ein Video der MTV-Show «Dance Moms», das zeigte, wie ein Mädchen nach einem Kuss mit einem Jungen angeekelt davonrennt. In den Kommentarspalten wurde die Kleine als Hure bezeichnet. Ein grosses Medium postete das Video mit dem Satz «Und so macht man Massenmörder».

Ihr habt sie doch nicht mehr alle.

Ich kann damit umgehen, dass ich im Ausgang als Schlampe bezeichnet werde. Ich kann damit umgehen, dass viele Frauen andere Frauen runtermachen müssen, um sich besser zu fühlen. Ich kann damit umgehen, dass Männer aggressiv auf weibliche Sexualität reagieren.

Aber ich kann nicht damit umgehen, dass JournalistInnen als MeinungsmacherInnen und –lenkerInnen da mitspielen.

(First published on vice.com, January 28th 2015)

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24 Dinge, die ich mit 24 gelernt habe

Das GA wird bald teurer, du kannst nicht mehr ungestraft saufen gehen, Bad Boys verlieren ihren Reiz und du realisierst, dass deine Eltern älter werden. Andererseits schnallst du, warum er nicht anruft, warum du not-so-fucking-special bist, warum du deine Heimatstadt verlassen hast, warum du an die Urne gehen solltest und warum du nicht mehr von allem gemocht werden musst. Was man mit 24 sonst noch lernt?

Dass in genau 365 Tagen dein ganzes postpubertäres Leben (aka GA, Krankenkasse, Bankkonto, Handyrechnung, etc.) teurer wird. Und dass dies womöglich ein friendly reminder des Universums ist, deinen Scheiss langsam mal auf die Reihe zu kriegen.

Dass das erste Viertel ganz schön Angst machen kann. Weil es bedeutet, dass der Abschnitt deiner Kindheit endgültig vorbei ist. Was aber irgendwie okay ist, weil du grad Viertel geschrieben hast, vielleicht mal 100 Jahre alt und Grosi wirst.

Dass es absolut keine Entschuldigung gibt, nicht abstimmen zu gehen. Weil du nämlich auf die harte Tour gelernt hast, was 0.3 Prozent so alles ausmacht. Du verwöhntes Demokratenkind.

Dass es völlig okay ist, deiner Mutter um vier Uhr morgens nach einer Partynacht betrunken und heulend anzurufen, weil du dir beim tiefnächtlichen spontanen (?!) Nagelschneiden fast einen Zeh abgeschnitten hast und nun den Badezimmerteppich mit Blut versaust, während andere Gleichaltrige verheiratet sind und Kinder kriegen.

Dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, dich bei deiner Stiefmutter dafür zu entschuldigen, dass du sie als Sündenbock missbraucht hast. Und dass sie dir verzeihen wird, weil du noch ein Kind warst.

Dass du nicht Everybody’s Darling sein kannst. Und endlich begreifst, dass das nichts mit dir zu tun hat. Und weil es viel zu viel Spass macht, dich mit Autoritäten anzulegen.

Dass das Kleid zu kurz ist, sobald du dich fragst, ob das Kleid zu kurz ist.

Dass viele Menschen, insbesondere Internet-Trolls, unglaublich unglücklich sind und so laut schreien müssen, weil ihnen sonst niemand zuhört. Und dass es diese Menschen sind, die dein Verständnis brauchen – nicht umgekehrt.

Dass Kindheitsträume wertvoll sind. Weil es gut möglich ist, dass du einmal im Leben in einem Schloss wohnen wirst. Never give up on your silly silly dreams.

Wein > Wodka.

Dass niemand deine erste Liebe toppen wird und du diese Person wohl immer ein nervtötendes Bisschen lieben wirst. Weil sie dir so viel bedeutet, dass sie immer einen Platz in deinem Herzen hat. Und das verdammt schön ist.

Dass es andere Lebensformen als Monogamie, 8to5-Job und fester Wohnsitz gibt. You’re a free bitch, baby.

Dass es total cool und anstrengend ist, mit 24 Jahren Feministin zu werden. Und dass es hilft, wenn andere 24-Jährige wie Emma Watson und Taylor Swift mitziehen.

Dass du die besten Eltern und Freunde haben kannst und dich trotzdem manchmal einsam fühlst. Weil du ein Mensch bist. So Herbert-Grönemeyer-Style. With feelings and stuff.

Dass er anrufen wird, wenn er dich mag.

Dass es dir auch mal nicht gut gehen darf. Und dass du, wenn du selber mal unten bist, wahnsinnig viele Menschen zu verstehen lernst. Weil du demütiger geworden bist und gemerkt hast, dass du nicht besser oder spezieller bist als irgendwer sonst auf diesem Planeten. #twentysomethingstruggle

Dass sehr wenige Facebook-Debatten im echten Leben einen Wert haben und eine zweimonatige Social-Media-Absenz vieles wieder ins rechte Licht rückt. Dass Dinge passiert sind, auch wenn sie nicht gepostet wurden. Dass Dinge gut sind, auch wenn sie nicht geliked werden. Das Dinge berühren, auch wenn sie nicht geteilt werden.

Dass Frauenmagazine Müll sind. Weil weder eine blonde Mähne, noch das perfekte Outfit oder die richtige Figur deine wahren Probleme lösen. Dafür musst du schon mit echten Menschen reden.

Dass du die Bad Boys nicht mehr nötig hast. Weil du es nicht mehr von anderen Menschen abhängig machst, ob dein Leben aufregend ist.

Dass es einen Grund hat, warum du deine Heimatstadt verlassen hast und es nicht schlimm ist, dass viele Freundschaften versandet sind. People change.

Dass deine Eltern älter werden. Dass du begonnen hast, dich teilweise für sie verantwortlich zu fühlen und dir klar wird, dass sie eines Tages sterben werden.

Dass es unglaublich stark und furchtlos ist, feinfühlig und verletzlich zu bleiben. Sich einmauern und ein Arschloch werden kann nämlich jeder.

Dass du noch ein ganzes Leben Zeit hast, Erwachsenenscheiss wie Steuern nicht verdrängen, Rechnungen pünktlich zahlen und Zahnarzttermine nicht vergessen, auf die Reihe zu kriegen.

Dass du noch vier unglaublich lange Dekaden arbeiten wirst. Und es von daher schon fast lächerlich egal ist, ob du jetzt schon auf dem richtigen Weg bist. Dass es geil ist, wenn du weisst, dass du es trotzdem schon bist.

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Genderscheiss ruiniert uns

Dieses Jahr lancierten Sheryl Sandberg, LeanIn.org und die amerikanische Pfadfinderorganisation Girl Scouts zusammen mit Berühmtheiten wie Beyoncé und einer Handvoll Sponsoren die «Ban Bossy»-Kampagne. Ziel war es, diesen Begriff aus dem englischen Wortschatz zu streichen. Der Grund dafür ist schnell erklärt: gibt ein kleiner Junge den Ton an, gilt er als stark und zielstrebig. Gibt ein kleines Mädchen den Ton an, wird sie mit dem negativ konnotierten «rechthaberisch» oder eben englisch «bossy» bezeichnet. Die Folgen: sie lernt früh, dass es sich nicht gehört, als Frau den Tarif durchzugeben, und passt sich (unbewusst) dementsprechend an.

So. Dass dieses Thema omnipräsent ist, war mir schon immer bewusst. Kürzlich wurde ich jedoch in ein Gespräch verwickelt, dass mich wirklich nachdenklich gestimmt hat. Ich war mit Freundinnen unterwegs und wir diskutierten darüber, wie man möglichst kurz und schmerzlos einen unerwünschten Anbagerrer los wird. Fast einstimmig erzählten die Girls von der Nummer mit dem erfundenen Freund.

Ich finde dies aus verschiedenen Gründen bedenklich. Weil es offenbar kein Problem ist, die Meinung einer Frau zu ignorieren, aber weeeehe man verletzt die «Ehre« eines potentiellen Boyfriends. Und weil ich finde, dass Frauen so früh wie möglich lernen müssen, für sich selber einzustehen. Wir schulden nämlich gar niemandem etwas. Genau genommen nicht einmal Höflichkeit.

Eine Kollegin (Anfang 20, intelligent, taff) erklärte mir, sie habe halt einfach keine Lust zum Diskutieren und wenn sie von ihrem Freund erzähle, werde sie in schneller Ruhe gelassen. Ich fragte sie, warum sie nicht einfach ehrlich und höflich eine Abfuhr erteilen kann. Sie erwiderte, weil sie danach schon regelrecht belagert werde. Offenbar wird ein Nein also noch immer nicht als solches wahrgenommen, sondern als «hihi, nein, versuchs mehr». Ich habe schon einmal darüber geschrieben, was ich von diesen ganzen «hard to get»-Spielchen halten. Nun ja, das haben wir jetzt davon. Merci vielmals.

Was dann kam, hat mich wirklich betroffen gemacht. Die Freundin sagte, sie wolle halt nicht als «bitchy» angesehen werden und kein «Arschloch» sein. Das hat mir echt fast das Herz gebrochen. Diese wunderbare junge Frau bezeichnet sich allen ernstes als Arschloch, nur weil sie Avancen nicht erwidert.

Es kam noch schlimmer: sie sagte, sie wolle nicht verantwortlich sein, dass dieser Typ dann nie wieder eine Frau anspricht, nur weil sein Ego zerstört ist. Ergo fühlt sie sich verantwortlich oder hat das Gefühl, einem unbekannten Mann irgendetwas schuldig zu sein.

Ich kam nicht umhin, an den 22-jährigen Elliot Roger zu denken. Nach jahrelangen Zurückweisungen revanchierte sich der Student mit einem Blutbad. Sechs tote Menschen waren die Folge. Die Bewegung «YesAllWomen» entstand. Und irgendwo auf dieser Welt ist seit diesem Tag das Leben von ein paar Frauen zerstört, weil sie Elliot mal eine Abfuhr erteilt haben und nun denken, sie seien Schuld am Tod unschuldiger Menschen.

Ich finde: nein sagen muss man üben. Man muss üben, als Frau Typen zu ignorieren oder wegzulaufen, wenn sie einen weiterhin belagern. Ich schaffs auch nicht immer. Oft werde ich dann aggressiv und werde als Folge beleidigt, beschimpft oder bedroht. Und drum müssen auch Männer was üben: nämlich ein Nein nicht als persönliche Beleidigung aufzunehmen, sondern einfach als das was es ist: ich steh einfach nicht so auf dich. Deine Männlichkeit ist nicht verletzt, wenn du mal keine abkriegst. Deine Männlichkeit hat dann ein Problem, wenn du mit einer Zurückweisung nicht umgehen kannst und zum Arschloch wirst.

Genau hier schliesst sich der Kreis wieder. Früher in der Schule, als du immer so bestimmt warst, das fanden doch alle so stark, nicht? Hat nicht dein Vater dir immer gesagt, du könnest alles haben, solange du deinen Mann stehst? Sagte nicht erst gestern dein Kollege, wie cool er dich finde, weil du so viele Chicks aufreisst? Und hat nicht dein Chef dir mal erklärt, dass man ein Nein niemals akzeptieren soll?

Jungs: we’re in this together. Aber können wir bitte, bitte jetzt damit aufhören?

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Die fetten Jahre sind vorbei

Der erste Job ist wie die erste Beziehung. Intensiv, richtungsweisend, angsteinflössend, aufregend, prägend. Ich erlebte turbulente Zeiten, völlig unverhältnismässige Fluktuationen, eine Übernahme durch ein Muttermedium, den Aufbau einer kleinen Redaktion, sechsmal einen Wechsel meiner direkten Vorgesetzten – alles in dreieinhalb Jahren. Am Ende hab ich gelernt: I should’ve left the party when it was still full.

Ich hab nicht mehr hingepasst; zu vieles hat sich verändert. Wenn du immer noch den guten alten Zeiten und dem Status Quo zu Jobbeginn nachtrauerst, ist auch das wie in einer Beziehung: nur du kannst was ändern und musst gehen.

Es war die richtige Entscheidung. Aber mir fehlen diese Zeiten manchmal. Die Nightlifeszene ist ein spezieller Haufen Menschen und ein Metier, das in keinen wirklichen Rahmen passt. Als erste Berufserfahrung wars für mich ein Eldorado. Natürlich hatte die «work hard play hard»-Nummer auch Nachteile. Aber die Möglichkeiten, die neuen Kontakte, die Einflüsse, die Dramen, die Partys, die Emotionen, der Stress, der Spass, die Tränen, die Hangover…. alles war endlos. Selbst wenns mal so richtig scheisse war, wars irgendwie geil.

Heute weiss ich wieso. Diese Zeit war das letzte Aufbäumen der sorglosen Teenager-Jahre und der reinste postpubertäre Exzess. Don’t get me wrong: Ich mag, wie ich mich weiterentwickelt habe und bin stolz darauf. Ich kann reflektierte und intelligente Artikel schreiben und hab bei wichtigen Diskussionen was zu sagen. Ich habe gelernt, auf mich selber aufzupassen und für mich einzustehen.

Und damals? Damals hab ich zu viel getrunken, zu oft gefeiert, mit vielen statt viel geschlafen, mir oft Druck und selten was richtiges zu Essen gemacht. Verbeulte Knie, Herzschmerz, Kater und Schlafmankos waren an der Tagesordnung. Aber es verging kein Tag, an dem ich mich nicht gespürt hatte. Ich fühlte mich lebendig. Es waren die schönsten Leidensjahre meines Lebens.

Jahre, die ich vermisse, wenn ich um 23 Uhr mit einer Tasse Tee zuhause hocke und Bilder von damals anschaue.

Die französische Autorin Anne Louise Germaine de Staël sagt, man müsse im Leben wählen zwischen Langeweile und Leiden.

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Eure Hasstiraden gegen meine Generation machen mich krank

Faul, verwöhnt, verantwortungslos, hedonistisch und egozentrisch: mit diesen Worten hauen alte Menschen und klickgeile Medien nicht selten eine ganze Generation in die Pfanne. Und ich kann diesen Müll nicht mehr hören. Weil es nicht sein kann, dass sich Baby Boomer ständig über eine Generation, die sie selbst herangezogen haben, beschweren.

Alles geht, nichts ist

Natürlich hattet ihr eine andere Arbeitseinstellung – immerhin hing finanzielle Sicherheit und nicht ein Luxusziel wie Selbsterfüllung davon ab. Ihr wurdet im Glauben, dass sich harte Arbeit auszahlt, erzogen und habt uns als Eltern und Gesellschaft Sicherheiten gegeben, die ihr euch in eurer Jugend nur hättet erträumen können. Somit wuchs mit uns eine ganze Generation kleiner Peter Pans heran. Unter besseren Voraussetzungen, an denen ihr nicht ganz unschuldig seid, und in einer wirtschaftlichen Scheisszeit, an der ihr nicht ganz unschuldig seid.

Doch die vernetzte Welt gehört uns: Wir haben tausend Möglichkeiten; uns wird gesagt, wir seien speziell und wir können alles erreichen. Anything goes! Yes we can! Und niemand denkt daran, dass tausend Möglichkeiten gleichbedeutend sind mit der Angst vor 999 falschen Entscheidungen.

Wir sprechen verschiedene Sprachen, machen früh erste Arbeitserfahrungen, absolvieren Weiterbildungen und befinden uns trotzdem auf einer chronischen Suche nach uns selbst und unserem Weg. Natürlich sind wir besser ausgebildet. Aber unsere Generation ist im Kollektiv besser ausgebildet und nicht als Einzelpersonen. Herauszustechen ist schwierig.

Welt 2.0

Wir leben in einer Realität, die Baby Boomer für uns kreiert haben. Wir wuchsen aber auch mit herausfordernden Möglichkeiten der Selbstdarstellung und Realitätsentfremdung auf und mussten alleine damit klarkommen. Logisch sind wir Träumer. Aber wir sind auch offener, ehrgeiziger, toleranter. Wir sind besser als unser Ruf. Ausserdem ist Jugend-Bashing sowas von 469 v. Chr. Google it.  

Würdet ihr uns wieder an euch heranlassen und nicht als gescheiterte Narzissten-Kohorte verabscheuen, könnte man unsere Generation vielleicht mal wieder als ganz normale Menschen anschauen. And then us twenty-somethings even might get the fuck over ourselves. Wir könnten gegenseitige Erfahrungen austauschen; wieder gemeinsam weiterkommen. Es könnte die beste Welt sein, in der wir alle jemals gelebt haben.

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Pseudo-Maskulinismus in 110 Sekunden

Dieses Video zeigt, wie eine von einem Mann verprügelte Frau Hilfe kriegt, während ein von einer Frau verprügelter Mann ausgelacht wird. Zurecht wird es auf diversen Online-Plattformen thematisiert und mit dem Prädikat «erschreckend» gestreut. Soweit, sogut. Aber, liebe Facebook-Freunde und geschätzte Medien-Kollegen, habt nicht auch ihr euch vor einigen Tagen darüber lustig gemacht und es als «Kindergarten-Drama» und «Rumzicken» bezeichnet, als Solange Jay Z vermöbelte? Und statt mahnenden Worten lustige GIFs gebastelt, die Solange als «Jay Zs hundertstes Problem» bezeichnen? War das denn nicht dasselbe Szenario und sogar noch in echt? Doppelmoral als Antwort auf Doppelmoral? 

Dennoch finde ich es grossartig, dass ihr dieses Video thematisiert. Wenn Maskulinismus schon einmal auf Gehör stösst, ist das zu unterstützen. Schön wäre es nun, wenn ihr das Thema weiterzieht. Was ist mit Männerrechten? Mal darüber nachdenkt, warum Schwule als abartig und Lesben irgendwie als okay angesehen werden. Oder warum in diesen (auch von Kreti und Pleti geteilten) russischen Schwulenschläger-Videos keine Lesben verprügelt wurden. Oder ihr könntet mit jungen Vätern sprechen, die in einem Sorgerechts-Streit chancenlos waren und dort für Gleichberechtigung kämpfen.

Zurück zum Video: Gewalt gegenüber Männern wird definitiv anders wahrgenommen. Zudem haben Männer a) weniger Anlaufstellen, um sich Hilfe zu holen und b) nicht den Mut, dies zu machen. Weil man doch als Typ nicht zugeben kann, dass einem die Alte daheim schlägt.

Doch ist es nicht vielleicht auch kräftemässig einfacher, sich als Mann zu wehren? Ist es nicht auch logisch, dass Frauen (die sehr oft finanziell und somit existenziell von Männern abhängig sind) ihren Partner nicht anzeigen?

Die meisten Morde an Frauen geschehen durch ihre Ehemänner oder Exfreunde. Margret Atwood, eine kanadische Autorin und Aktivistin, fragte einst einen Freund, warum Männer sich von Frauen bedroht fühlen. Seine Antwort: «Sie haben Angst davor, ausgelacht zu werden.» Dann fragte Atwood Frauen, warum sie sich von Männern bedroht fühlen. Ihre Antwort: «Wir haben Angst davor, von Männern umgebracht zu werden.»

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